Montag, 30. April 2012

Die wahre und nach bestem Wissen wiedergegebene Geschichte, in welcher ich eine junge Dame vor dem Verderben bewahre und dennoch bescheiden und keusch bleibe.

Man kennt mich als Professionisten in allen Leben und Lagen. Was ich hier niederschreibe, ist die Wahrheit, insofern ich mich an sie erinnere und sie mir zupaß kommt.

Beim Langlaufen in den Schweizer Anden, 1899.

An einem einzigen Tag hatte ich eine Konfrontation mit der Obrigkeit der Insel, wie auch ein Date mit dem Schicksal, bei welchem ich eigenhändig ein Leben rettete, ohne dieses Mal ein anderes dafür zu fordern. Mit dem Alter wird man weich.


Unwissentlich auf dem Weg zu meinem Einsatz, wand ich das Gas aus dem Quad, als wäre der Teufel hinter meiner unsterblichen Seele her. Da sah ich vor mir das rote Leuchten der Rennleitung. Man winkte mich freundlich aber bestimmt an den Fahrbahnrand.

"You Saloli Now!", begrüßte man mich.
Ich verstand nicht.
"You Saloli Now!", wiederholte der Ordnungshüter.
Da dämmerte es mir. Saloli... slowly. Ich war zu langsam.
"Ich bin der Donner des Nordens! Der Blitz ist mein Weggefährte und wenn ich Gas gebe, dann bleibt er auf der Strecke wie die Mariazeller Bahn im Rennen mit dem Shinkansen. Wie kann ich zu langsam sein?"
Ich erntete ein verständnisloses, blankes Gesicht. "You Saloli Now!", wiederholte er.
"Si, si.", sagte ich. Aus irgendeinem Grund verwechsle ich nach wie vor italienisch mit thailändisch.

Wenig später, wir fuhren einen Hügel hinab, kamen wir an eine kleine Kreuzung, an der sich gerade ein Unfall ereignet hatte. Ein Motorrad war gestürzt, daneben hockend ein Mann, der auf seine mit einer Kopfwunde am Boden liegende Freundin blickte. Er hatte Schürfwunden am Rücken, sie eine blutende Wunde am Kopf. Alles klare Anzeichen eines Schlangenbisses.

"Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!", rief ich. Im Normalfall benutze ich diese Formel, um schneller durch das Gedränge zu kommen, doch heute meinte ich es ernst.
Kritische Situationen verlangen nach kühlen Köpfen. Aufgeschlagene Köpfe verlangen nach sofortiger und professioneller Hilfe. Da ich in meinem Leben nun schon viermal den 16-stündigen Erste-Hilfe-Kurs absolviert haben und mich unkritische Selbsterhöhung von jeher kennzeichnet, ergriff ich instinktiv das Kommando.
Nun zählte jede Sekunde.
"Wir sind mit dem Motorrad abgerutscht und meine Freundin ist nach hinten gestürzt und hat sich den Kopf angeschlagen.", sagte der Mann. Daher also die Kopfwunde, blieb noch der Schlangenbiß. Ich mußte das Gift raussaugen, wie Sie das aus Film und Fernsehen kennen.

"Entfernen Sie bitte Ihre Lippen von meiner Freundin!", rief er aufgeregt.
"Na gut,", gestand ich ihm zu, "dann kümmern wir uns zuerst eben um die Kopfwunde."
"Stabile Seitenlage!", orderte ich. Der Mann sprach jedoch nur englisch. Sichtlich Australier, trug er doch Tribal- und Ed Hardy-Tattoos bis an den Hals.
"Stable Sidelayer!", schaltete ich in der Sekunde. Den Rest der Konversation übersetze ich für den Leser auf deutsch.

"Sind Sie überhaupt Arzt?"
"Nicht außerhalb der Grenzen Tanzanias."
"WAS?"
"Nun, technisch gesehen nur innerhalb des Chagga-Stammesgebietes. Wollen wir auf einen anderen Arzt warten?"
Ich wartete die Antwort nicht ab. Ich kann nicht von einem Eid zurückweichen, den ich nie geleistet habe. Wo war der Knochenspreizer?

"Ich glaube, wir müssen die Wunde reinigen.", sagte er nun.
Ich lächelte.
"Wo haben Sie denn Ihren Abschluß gemacht? Bei den Roten Khmer?"
Er blickte beschämt zu Boden.
Kommunist.
Ich hätte es wissen müssen.
"Wir haben keine Zeit für politische Grundsatzdiskussionen.", herrschte ich ihn an.
Wieder sah er mich verständnislos an. Vielleicht war auch er auf den Kopf gefallen?
"Geben Sie mir etwas Wasser. Wir müssen die Wunde reinigen.", befahl ich.

Als ich die Wunde mit meinem kurzerhand umfunktionierten Schweißtuch abtupfte, mußte ich für einen Augenblick an einen alten Kollegen denken. Wieviele Köpfe hatten wir zusammen zusammengenäht? Wo mochte er heute sein? Ob ich Dr. Ivic heute noch auf der Straße wiedererkennen würde? Seitdem ihm die Haare ausgefallen waren, war er nicht mehr der alte.

Die Patientin begann zu zittern.
Kammerflimmern. Nun konnte es kein Zögern geben. Ich mußte defibrillieren.
"3 - 2 - WEG!", rief ich.
Evelyn und Andrea hatten das Mädchen in der Zwischenzeit zugedeckt. Wie sollte ich so defibrillieren?
"Bitte hören Sie auf, sich die Hände zu reiben und 'wuuuuuuuuu' zu schreien."
Selten war ich in meiner professionellen Ehre dermaßen gekränkt worden.

Ein Pick-Up-Truck bog um die Kurve. Auf der Ladefläche saß der örtliche Geisterheiler und lächelte selbstverliebt. Kaum war das Auto zum Stehen gekommen, sprang er auch schon herab und kam auf uns zu.
"Alles unter Kontrolle, Kollege.", rief ich ihm entgegen. Er ging an mir vorbei. Professionelle Höflichkeit war in diesen Winkel der Welt wohl noch nicht vorgedrungen. Mit ein paar Handgriffen wurde die Patientin in das Innere des Wagens gehoben und schon setzte er sich wieder in Bewegung. Als der Pick-Up hinter der Kurve verschwand, mischte sich kaltes Grauen in die wohlige Zufriedenheit, ein Leben gerettet zu haben.
Ich hatte auf den Schlangenbiß vergessen.


P.S. Während ich dies am Strand von Koh Phangan abtippe, dringen schreckliche Laute an mein Ohr. Meine Sitznachbarn sind drei wohlerzogene Männchen aus den Untiefen Österreichs, die sich über die Jagd, den Dieselpreis und "de Weiba" unterhalten. Schön, wenn einen die Heimat auch hier heimsucht.

3 Kommentare:

  1. das mit dem unfall ist beinahe wahrheitsgetreu...
    flo hat tatsächlich als einziger daran gedacht das mädel in die stabile seitenlage zu begeben!
    als er allerdings die kopfwunde gesehen hat ist er ganz weiss um die nase geworden!
    attila ist heroisch ins nächste dorf gedonnert um den Arzt zu holen und andrea und ich haben nicht nur unsere einzigen (und somit letzten) strandtücher geopfert um blutungen zu stillen, sondern haben auch der verletzten brav händchen gehalten, während Dr. nimmerrichter bewusstlos wurde, noch bevor es die verletzte war...
    diese hat übrigens kurz bevor sie weggekippt ist gemeint dass ihre kopfschmerzen morgen wohl noch schlimmer sein werden als nach der vorangegangenen mai tai-session!

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  2. Das ist noch weiter von der Wahrheit entfernt als die Unwahrheit.
    Ich werde nur bewusstlos, wenn es die Situation verlangt.

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  3. Wird die wahre Wahrheit wohl je niedergeschrieben werden? Wird man sie je erfahren? Haben Euch etwas ganze Schlangenheere überfallen und Ihr sprecht nur noch im Wahn?

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